Wenn Zukunftsorte
erzählen…

März 2013, Marlis Stubenvoll

Die Kunst- und Kulturplattform „Artenne“ im Zukunftsort Nenzing/Vorarlberg verbindet seit 19 Jahren aktuelle Themen am Land mit moderner Kunst. Obmann und Initiator Helmut Schlatter sprach mit uns über Kuhbilder, Jugendarbeit und leidige Förderansuchen.

Wie ist die Artenne entstanden?
Unsere Aktivitäten haben 1994 begonnen. Als ich und meine Frau in der "Tenne" eingezogen sind, haben wir verschiedene Künstler eingeladen, mit ihnen gekocht, gewohnt und hier gearbeitet. Am Ende kam die Idee, die Arbeiten gemeinsam auszustellen. Wir haben die Ausstellung scherzhaft "Tenneale" genannt, als wäre sie ein großes Festival. Es gab dann jedes Jahr kleinere Projekte mit wenigen Förderungen. Nach meiner Ausbildung zum Kurator in Wien hat sich die Arbeit professionalisiert.

Was hat das für die Tenne geheißen?
2007 bekamen wir die Möglichkeit, an einem EU-Leaderprojekt teilzunehmen, das die Renovierung der alten Tenne ermöglichte. Früher waren alle unsere Veranstaltungen noch im grauen Bereich – keine Stiege im Veranstaltungsraum hat gepasst. Für den Umbau haben wir 2011 den Bauherrenpreis bekommen - als Low-Budget-Projekt!

Unsere Tätigkeit benötigt insgesamt Geld, das eigentlich nicht vorhanden ist. Ein Beirat aus sechs Mitgliedern hilft uns ehrenamtlich, und es stecken viel eigene Arbeit und eigene Mittel in der Artenne.

Die Artenne versteht sich als Plattform für Auseinandersetzungen mit Kunst und Kultur im ländlichen Raum. Was waren die zentralen Themen in den letzten Jahren?
Unsere Programme beschäftigten sich zum Beispiel mit dem Thema Mangel und Überfluss, oder der Veränderung in der Viehhaltung – Themen, die immer aktueller werden, wenn man zum Beispiel an den Fleischskandal heute denkt. Was hier fehlt ist das universitäre Umfeld, um solche Inhalte aufzuarbeiten. Wir versuchen dieses Potential aus der Stadt nach Nenzing zu holen.

Was wollen Sie mit der Artenne erreichen?
Unser Ziel ist die Vermittlung von Kunst am Land. Wir arbeiten mit dem Alltagsleben aus der Region, suchen aber Zugänge, die eher im urbanen Bereich präsent sind. Urban Gardening ist in der Stadt ein großer Trend, während produktive Gärten am Land immer mehr verschwinden oder zu reinen Ziergärten werden.

Wir wollen darauf aufmerksam machen, was am Land verloren geht. Wir legen nicht so großen Wert auf die Darstellung von Tradition, sondern wollen die Brüche zeigen. Oft wird ein Bild vom Land gezeichnet, das nicht mehr stimmt. Die Kunst ist kritischer und distanzierter, und hat die Mittel, um schleichende Entwicklungen sichtbar zu machen.

Das klingt nach einem umfassenden Projekt. Wie sehen da die künstlerischen Zugänge aus?
Vergangenes Jahr haben etwa Künstler alte Aufbewahrungsstücke aus dem Dachboden der Tenne, so wie Nägel und Schrauben, verwendet, und eine Installation daraus gestaltet. Christoph Waibl hat mit Flugsamen aus dem Nenzinger Himmel und einer Lichtinstallation die Tenne in eine Zauberwelt verwandelt. Die Künstlerin Barbara Husar – mittlerweile ist sie ein richtiger Shootingstar in der bildenden Kunst – hat Kuhbilder für uns gemalt. Es gibt auch ein Rahmenprogramm, das den Zugang zu den Themen erleichtert. Das reicht vom Jodelkurs bis zur Literaturmatinee mit Musik.

Wer schon so lange im Bereich Kunst- und Kulturveranstaltungen aktiv ist, hat wohl auch schon Rückschläge erlebt. Wo lagen oder liegen Schwierigkeiten?
Im ländlichen Raum ist das Sponsoring schwieriger. Was Kultur hier leistet, ist nicht messbar, deshalb wird sie von der Wirtschaft zu wenig gestützt. Dabei siedeln sich Betriebe auch an, weil Nenzing eine kulturoffene und schöne Gemeinde ist. Unsere Arbeit trägt sicher zur Lebensqualität bei. Trotzdem verwenden wir einen großen Teil unserer Zeit dafür, Projektbeschreibungen und Berichte zu schreiben, um Fördergelder zu erhalten. Wenn ein Ansuchen dann nicht einmal erfolgreich war, denke mir schon oft: "Schade um die Zeit".

Was treibt Sie zur Kunst- und Kulturarbeit an?
Zu Beginn war es die Freude am Tun und das Interesse an den Inhalten. Durch Erfahrung stellt man dann immer höhere Ansprüche an sich selbst. Wenn man ein gewisses Level erreicht hat, kann man nur aufhören oder so weitermachen. Einen Schritt zurückgehen ist, glaube ich, sehr schwierig. Ein Ansporn ist auch, dass man Leute auch regional mit Qualität erreicht und nicht nur mit seichter Eventkultur. Wenn man den Leuten etwas Gutes bietet, dann bekommen sie Lust auf mehr.

In Nenzing gibt es mehrere private Initiativen im Bereich Kunst & Kultur. Warum ist das gerade hier so?
In Nenzing sind alle sehr motiviert und engagiert - nichts wird von oben aufgesetzt, sondern es ist von unten gewachsen. Alle drei privaten Festivals im Ort – die Alpinale, das Theaterfestival "Luoaga & Losna" und die Tenneale – haben eine enorme Außenwirkung. Die Alpinale ist aus Bludenz zugezogen. Nenzing hat hier richtig abgestaubt, könnte man sagen. Solange die Unterstützung der Gemeinde vorhanden ist, werden die Festivals auch bleiben. Das klare Bekenntnis der Gemeinde zur Kultur ist da. Die Vereine arbeiten aber alle sehr eigenständig.

Sie arbeiten verstärkt auch mit Jugendlichen. Wie erreicht man diese Zielgruppe?
Wir machen Lehrlingsprojekte, vor allem im Theaterbereich. Die Betriebe haben erkannt, dass es den Lehrlingen viel nützt – sie werden offener, flexibler und kreativer. Viele wichtige Eigenschaften lassen sich über das Theaterspiel gut erwerben.Schwierig ist am Anfang überhaupt einen Zugang zu finden. Für mich als Lehrer ist es durch die Erfahrung aber leichter. Sobald man sie erreicht hat, sind Kinder begeistert dabei, vor allem die jüngeren. Das Ambiente des Gebäudes kommt uns sehr entgegen. Viele Kinder haben noch nie einen Stall von innen gesehen, begeistern sich aber sehr dafür.

Helmut Schlatter (55) ist Obmann der Kunst- und Kulturplattform Artenne in Nenzing, die er gemeinsam mit seiner Frau Hildegard Schlatter 1994 gegründet hat. Er ist Lehrer und seit 22 Jahren als Kulturvermittler tätig. www.artenne.at


Experten–Links
Künstlering Barbara Husar, www.husar.tk

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